Anita Berber: Die sündige Ikone Berlins

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Anita Berber beherrscht in den wilden Zwanziger Jahren die Bühnen Berlins. Als expressionistische Nackttänzerin provoziert sie das konservative Bürgertum, als modische Avantgardistin beeinflusst sie den zeitgenössischen Stil und als selbstbestimmte Frau schläft sie, mit wem sie gerade Lust hat. Ihre Biografie verläuft so schnell und turbulent wie die junge Weimarer Republik, in der sie lebt. Sie lebt ihr Leben intensiv und berauscht, ist dreimal verheiratet und stirbt bereits mit 29 Jahren.

Sie ist fast nackt und vollführt durch Reiben und Streichen an ihren nackten Brustwarzen sinnlich aufreizende Posen. Die Tänzerin gefährdet unzweifelhaft ganz erheblich die Sittlichkeit und verletzt das Schamgefühl in unerhörter Weise“, empört sich ein Bürger in einem Brief an den Berliner Polizeipräsidenten im Jahr 1926. Eine andere Zeitgenossin, Martha Dix, die Ehefrau des berühmten Malers Otto Dix, erinnert sich: „Berber benötigte eine Stunde, um ihr Make-up aufzutragen, währenddessen sie eine Flasche Cognac trank. […] Jemand sprach sie an und sie sagte ,200 Mark.’ Ich fand das gar nicht so furchtbar. Irgendwie musste sie ja Geld verdienen.

Anita Berber 1920. Ein Jahr zuvor beginnt ihr Aufstieg zur erotischen Berliner Ikone. Quelle: Fischer, Lothar: Tanz zwischen Rausch und Tod. Anita Berber 1918-1928 in Berlin, Berlin 1984, S. 61. Fotograf: K. A., Rechte: Abbildung aus dem Besitz des Autors.
Anita Berber 1920. Ein Jahr zuvor beginnt ihr Aufstieg zur erotischen Berliner Ikone.
Quelle: Fischer, Lothar: Tanz zwischen Rausch und Tod. Anita Berber 1918-1928 in Berlin, Berlin 1984, S. 61. Fotograf: K. A.

1899 in Leipzig geboren, verdingt sich Anita Berber seit 1917 als Tänzerin in Berlin. Wie viele ihrer Zeitgenossen genießt die junge Künstlerin den frischen liberalen Geist der Weimarer Republik, der die preußische Prüderie und Kleinkariertheit abschüttelt und die künstlerische Avantgarde nach Berlin lockt. So findet beispielsweise 1920 die „Erste Internationale Dadamesse“ am Berliner Lützowufer statt. Und die UFA produziert in den Filmstudios in Babelsberg und in der Tempelhofer Oberlandstraße düstere cineastische Meisterwerke wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ oder „Nosferatu“, die weltweit zu Kassenschlagern werden. Berlin ist zu dieser Zeit ein fruchtbarer Boden für neue künstlerische Ideen.

Auf der anderen Seite ist der Alltag vom Elend der Nachkriegszeit wie Hunger, Arbeitslosigkeit und Inflation bestimmt. Wer noch über Bargeld verfügt, kann in dieser Weltuntergangsstimmung das schnelle Vergnügen suchen, solange das Geld etwas wert ist. Vor allem Touristen nutzen die wertlose Mark aus, um sich in der Metropole für harte ausländische Währung ihre frivolen Wünsche zu erfüllen. Berlin ist damals die Prostitutionshauptstadt Europas mit Extra-Strichen für schwangere, minderjährige oder entstellte Huren. Der Alkohol fließt in den überfüllten Kaschemmen und Tanzbars in Strömen. Dealer haben Hochkonjunktur und verkaufen auf den Straßen Kokain, flüssiges Morphium in Ampullen und Opiumkugeln. Die Nächte sind lang und die Bekleidung der Showgirls in den überfüllten Cabarets kurz.

Die nackte Anita Berber um 1921. Zeitgenossen heben ihre schneeweiße Haut und ihre gertenschlanke, makellose Figur hervor. Quelle: Fischer, Lothar: Tanz zwischen Rausch und Tod. Anita Berber 1918-1928 in Berlin, Berlin 1984, S. 67. Fotograf: K. A.
Die nackte Anita Berber um 1921. Zeitgenossen heben ihre schneeweiße Haut und ihre gertenschlanke, makellose Figur hervor.
Quelle: Fischer, Lothar: Tanz zwischen Rausch und Tod. Anita Berber 1918-1928 in Berlin, Berlin 1984, S. 67. Fotograf: K. A.

Anita Berber tritt in Kabaretts wie „Die Weiße Maus“ unweit der Friedrichstraße auf, wo sich das männliche Publik an den entblößten Tänzerinnen delektiert – getarnt hinter Masken, die am Eingang verteilt werden. Dabei geht es ihr nicht um die Zurschaustellung von nacktem Fleisch, sondern um expressionistische Kunst. Das Gesicht kalkweiß und die Lippen blutrot geschminkt, die Augenbrauen ausgezupft und die Haare rotblond gefärbt, thematisiert sie Motive wie Tod, Krankheit und Wahnsinn. Ihre außergewöhnlichen Auftritte sind morbide Schauspiele mit Hang zum Obskuren und Obszönen.

Andere Tänze tragen Namen wie „Kokain“ und „Morphium“: Substanzen an denen Anita Berber sich tagtäglich berauscht. Derart intoxikiert, konnte Anita Berber bei ihren Auftritten einen ihrer berüchtigten Wutanfälle bekommen, wie folgende Beobachtung von Fred Hildenbrandt, dem Feuilletonchef des „Berliner Tageblatts“, illustriert:

Es dauerte nicht lange und das ganze Lokal versank in einem tosenden Abgrund von Geschrei, Gezeter und Gelächter. Dann sprang Anita in rasender Wut über die Rampe hinweg, griff nach der nächsten Sektflasche und hieb sie dem nächstbesten auf den Kopf. Dabei kippte sie kunstvoll Tische um, warf Stühle zur Seite. Der Geschäftsführer, ein Mittelgewichtsmeister, riss die tobende Tänzerin zurück, die Kellner versuchten in dem Wirrwarr die Tische und Stühle aufzurichten. Und dann war plötzlich Stille und Ruhe. Jedermann setzte sich wieder und der Tanz ging weiter bis zum bitteren Ende.

Mit ihrem Stil weiß Anita Berber aufzufallen und modische Akzente zu setzen. Bei einem Auftritt im Nelson-Theater trägt sie als erste Frau öffentlich einen Smoking – und wird prompt von den mondänen Frauen Berlins wie Marlene Dietrich kopiert, die sich jetzt „à la Berber“ kleiden. Ansonsten trägt sie gerne einen extravaganten Zobelpelz und ein goldenes Kettchen über dem Fußgelenk. Selbst das kleine Äffchen, das sie im Dekolleté spazieren trägt, findet in der Damenwelt Nachahmer.

Zusammen mit ihrem zweiten Ehemann Sebastian Droste tanzt Anita Berber auf ihrem künstlerischen Höhepunkt. Szene aus „Märtyrer“. Quelle: Fischer, Lothar: Tanz zwischen Rausch und Tod. Anita Berber 1918-1928 in Berlin, Berlin 1984, S. 76. Fotograf: K. A.
Zusammen mit ihrem zweiten Ehemann Sebastian Droste tanzt Anita Berber auf ihrem künstlerischen Höhepunkt. Szene aus „Märtyrer“.
Quelle: Fischer, Lothar: Tanz zwischen Rausch und Tod. Anita Berber 1918-1928 in Berlin, Berlin 1984, S. 76. Fotograf: K. A.

Ebenso intensiv wie ihr Modestil wird Anita Berbers wechselhaftes Liebesleben beobachtet. Den ersten ihrer drei Ehemänner heiratet sie 1919, obwohl sie ihn kaum kennt. Der zweite, Sebastian Droste, ist wie Anita ein Tänzer und Draufgänger. Droste und Berber treten gemeinsam auf, faszinieren die Kritiker mit ihren erotisch-verstörenden Performances – und schnupfen Kokain als gebe es kein Morgen. Nach einem Aufenthalt in Wien, den beide wegen verschiedener Delikte im Gefängnis verbringen, verschwindet Droste Anfang 1923 mit Anitas wertvollstem Schmuck in Richtung USA. Bereits ein Jahr später heiratet sie ihren dritten Ehemann, der ebenfalls Tänzer ist. Auch mit ihm hinterlässt Anita Berber auf ihrem Weg eine Spur von Skandalen: die Zeitungen berichten über ihre exzessive Drogensucht, wilde Orgien und lesbische Ausschweifungen.

Gerade mit ihren homosexuellen Verhältnissen weiß Anita Berber zu provozieren und Schlagzeilen zu produzieren, das erste Mal 1919 im konservativen Wien. In Berlin führt sie 1922 eine mehrmonatige Beziehung mit der szenebekannten Lesbe Susi Wanowski, über die beide Frauen offen sprechen. Ebenso wie mit ihren lesbischen Neigungen kokettiert Anita Berber mit ihrer Promiskuität, die sie sich mitunter gar vergüten lässt. Der bereits zitierte Feuilletonchef Fred Hildenbrandt berichtet über seinen Besuch in Anitas Garderobe: „Sie begann sich unbefangen zu entkleiden. Ohne Wandschirm. […] Plötzlich sagte sie: ,Wenn du willst, kannst du mit mir schlafen.’ Ich lachte. Sie sagte: ,Du brauchst keine Sorge zu haben. Ich bin kerngesund. Und ich liebe gut.’

Zu Anita Berbers damaliger Popularität tragen auch über zwei Dutzend Filmrollen bei, bezeichnenderweise vor allem in den sogenannten „Aufklärungsfilmen“ des Regisseurs Richard Oswald. Mit Streifen wie „Die Prostitution“ oder „Anders als die Anderen“ (beide 1919) versucht der Regisseur die deutsche Bevölkerung aus ihrer sexuellen Biederkeit zu befreien. Obwohl die staatliche Zensurbehörde immer wieder restriktiv eingreift und vor der Jugendgefährdung warnt, werden die Filme zu finanziellen Erfolgen und Anita Berber prominent. Eine Nebenrolle kann sie 1922 in Fritz Langs Meisterwerk „Dr. Mabuse, der Spieler“ ergattern, obgleich ihr da schon ihr berüchtigter Ruf vorauseilt.

Jahrelanger Alkohol- und Kokainmissbrauch fordern ihren Tribut. Während einer Tour durch den Nahen Osten bricht sie in Damaskus auf einer Bühne zusammen. Vier lange, qualvolle Monate dauert die Rückfahrt nach Berlin, wo sie schließlich am 10. November 1928 im Kreuzberger Bethanien-Krankenhaus stirbt. Eine Weggefährtin Berbers berichtet von dem Begräbnis auf dem Friedhof der St. Thomas Gemeinde in Neukölln: „Das Begräbnis war unbürgerlich genug, um sich dem Stil von Anitas Leben anzupassen. Da marschierten neben prominenten Filmregisseuren die Huren der Friedrichstraße auf, Strichjungen und Hermaphroditen aus dem „Eldorado“, berühmte Künstler neben Bar-Mixern, Herren in Zylinder neben den bekanntesten Transvestiten Berlins.

Literatur

Adorján, Johanna: Tänzerin Anita Berber. Das nackte Leben, SpiegelOnline, 26.08.2006, abrufbar unter http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/taenzerin-anita-berber-das-nackte-leben-a-430326.html.

Fischer, Lothar: Tanz zwischen Rausch und Tod. Anita Berber 1918-1928 in Berlin, Berlin 1984.

Fischer, Lothar: Anita Berber. Göttin der Nacht, Berlin 2007.

Funkenstein, Susan Laikin: Anita Berber. Imaging a Weimar Performance Artist. In: Woman’s Art Journal, Jg. 26, Nr. 1 (Spring – Summer, 2005), S. 26-31.

Hughes, Erika: Art and illegality on the Weimar stage. The dances of Celly de Rheydt, Anita Berber and Valeska Gert. In: Journal of European Studies (2009), Jg. 39, Nr. 3, S. 320–335.

Gordon, Mel: Sündiges Berlin – Die zwanziger Jahre: Sex, Rausch, Untergang, Index-Verlag 2011.

Strempel, Johannes: Berlin bei Nacht. Morgen früh ist Weltuntergang. In: Geo Epoche, Nr. 27, 2007, S. 44-53.

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