Der Berliner Bierboykott von 1894 – Der Bierkonsum als Instrument des „Klassenkampfs“

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Was geschah beim Berliner Bierboykott von 1894?

Am 17. Mai des Jahres 1894 rief die sozialdemokratische Zeitung „Vorwärts“ alle Arbeiter der Stadt Berlin offen dazu auf, das von sieben großen Berliner Brauereien produzierte Bier bis auf Weiteres und unter allen Umständen weder zu kaufen, noch zu trinken. Was hatte es mit diesem Boykott auf sich? Wodurch war er verursacht worden?

Die Vorgeschichte des Boykotts reicht bis ins Jahr 1889 zurück. Damals hatte die deutsche Sozialdemokratie auf einem Arbeiterkongress in Paris beschlossen, möglichst bald den 1. Mai deutschlandweit als neuen Feiertag einzuführen. Da aber das politische Geschehen im Deutschen Kaiserreich am Ende des 19. Jahrhunderts von konservativen Eliten dominiert wurde und demokratische Strukturen noch weitgehend fehlten, gestaltete sich die tatsächliche Umsetzung des Beschlusses äußerst schwierig. Konservative, die in den Bestrebungen zur Etablierung des Maifeiertages vorrangig die Interessen der Arbeiter und Gewerkschaften repräsentiert sahen, hatten dessen Einführung blockiert, sodass der Feiertag mehr als vier Jahre später noch immer nicht durchgesetzt worden war.

Daraufhin riss am 1. Mai des Jahres 1894 etwa 300 Böttchern in verschiedenen Berliner Brauereien der Geduldsfaden. Sie beschlossen, durch einen Streik die Schaffung des neuen Feiertages von ihren Arbeitgebern zu erzwingen. Darauf reagierten die vom Streik betroffenen Brauereien, indem sie die Streikenden aus deren Arbeitsverhältnissen entließen. Als sich später die anderen Arbeiter dieser Brauereien mit den Entlassenen solidarisierten, geriet die Situation außer Kontrolle. In Rixdorf (heute Neukölln) verhängten einige Gewerkschaften schon nach wenigen Tagen eigenmächtig einen unbefristeten Boykott über das Bier der „Rixdorfer Vereinsbrauerei“ (heute „Berliner Kindl“), bevor die übergeordnete Leitung der Berliner Gewerkschaften von den entsprechenden Maßnahmen überhaupt erfuhr.

Dennoch versuchte die übergeordnete Gewerkschaftsleitung zunächst, eine weitere Eskalation des Konflikts zu verhindern, indem sie mit den sieben „Ringbrauereien“ verhandelte. Die sieben Ringbrauereien spielten für den Bierverkauf und – konsum damals eine zentrale Rolle. Es handelte sich bei ihnen größtenteils um Brauereien, die untergähriges Lagerbier nach böhmischer oder bayrischer Art brauten und daher in scharfer Konkurrenz zu den alteingesessenen Brauereien standen, die Weissbier nach Altberliner Art produzierten (siehe „Welt der Bierproduktion und des Bierverkaufs in Berlin um 1900“; Verweis auf mein Schaubild). Da die Ringbrauereien ein Kartell bildeten – also Preis- und Lohnabsprachen untereinander trafen – hatten sie gewissermaßen die Vorherrschaft über den Berliner Biermarkt inne.

Von Verhandlungen aber wollte das Brauereikartell im Mai 1894 nichts wissen. Stattdessen entließen die Ringbrauereien 450 weitere Arbeiter, obwohl diese an dem Streik vom 1. Mai überhaupt nicht beteiligt gewesen waren. Aus der Perspektive der Gewerkschaften waren – als Reaktion auf diese Massenentlassung – drastische Maßnahmen gegen die Ringbrauereien daher nicht mehr zu vermeiden. Am 17. Mai des Jahres verhängte schließlich die SPD – Zeitung „Vorwärts“ offen den Boykott über das Bier der sieben Ringbrauereien.

Dieser Boykott sollte letztendlich über 7 Monate andauern und erst am 29. Dezember desselben Jahres beigelegt werden. SPD und Gewerkschaften auf der einen und Ringbrauereien auf der anderen Seite konnten sich kurz vor dem Jahreswechsel 1894/95 auf folgende Beschlüsse verständigen: Der auf Geheiß der SPD und der Gewerkschaften verhängte Boykott wurde offiziell aufgehoben. Im Gegenzug wurden die im Vorfeld und Verlauf des Rixdorfer Boykotts entlassenen Arbeiter von den Brauereien wiedereingestellt und erhielten fortan höhere Löhne als zuvor.

Vorwärts - Berliner Volksblatt
Ausschnitt aus der Ausgabe des „Vorwärts“ vom 29.12.1894 zur Aufhebung des BoykottsQuelle: Martin Albrecht und Stefan Klinkenberg: Die Brauerei Königsstadt. Industriegeschichte in Berlin – Prenzlauer Berg, Berlin 2010

Folgen und historische Bedeutung des Bierboykotts

Die SPD – Zeitung „Vorwärts“ feierte die Verhandlungsergebnisse als einen aus Sicht der Arbeiterbewegung „höchst ehrenvollen Abschluss“. Ob sie mit dieser Bewertung wirklich richtig lag, dürfte aus heutiger Sicht allerdings zumindest als fragwürdig gelten. Tatsächlich gestaltete sich die Lage eher so, dass die Brauereien einen größeren Teil ihrer Ziele umsetzen konnten, als die Arbeiter. So war es beispielsweise mit der Aufhebung des Boykotts weder gelungen, die Brauereien zu flächendeckenden Lohnerhöhungen zu bewegen, noch hatten es die Gewerkschaften geschafft, die Einführung des Maifeiertages tatsächlich durchzusetzen.

Nicht einmal der Weimarer Nationalversammlung, durch die rund 25 Jahre später die Weimarer Republik begründet wurde, sollte es gelingen, die allgemeine Einführung des Maifeiertags politisch durchzusetzen. Erst 1933 sollte schließlich der 1. Mai durch einen Erlass der Nationalsozialisten zu dem landesweiten und allgemein bindenden Feiertag werden, den er in Deutschland bis heute darstellt. Zu jener Zeit war allerdings die Arbeiterbewegung in ihrer ursprünglichen Form längst Geschichte.

Aus Sicht der Arbeiter, der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie hatte daher der Berliner Bierboykott von 1894 keine wirklich epochale Bedeutung. Dennoch war er aus zwei Gründen eine durchaus wichtige Episode in der Entwicklung der Arbeiterbewegung im deutschen Kaiserreich. Da das mediale Interesse am Bierboykott während dessen Dauer über weite Strecken durchaus hoch war – wie zum Beispiel entsprechende Artikel in der Zeitung „Berliner Tageblatt“ verraten – dürften die Ereignisse zum einen kurz- und mittelfristig zu einer erhöhten öffentlichen Aufmerksamkeit für die Arbeiterbewegung und deren Ziele geführt haben. Zum anderen trug der Bierboykott von 1894 nachweislich dazu bei, dass sich der Boykott als solcher als gewerkschaftspolitisches Instrument in Deutschland überhaupt erst fest etablieren konnte.

Ausschnitt aus der Morgenausgabe des „Berliner Tageblatt“ vom 01.01.1895 mit Reaktionen zur Aufhebung des Bierboykotts Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin; Link: http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/dfg-viewer/?set[mets]=http%3A%2F%2Fzefys.staatsbibliothek-berlin.de%2Foai%2F%3Ftx_zefysoai_pi1%255Bidentifier%255D%3D96511484-b22d-47a7-bdff-f8f2d1467562
Ausschnitt aus der Morgenausgabe des „Berliner Tageblatt“ vom 01.01.1895 mit Reaktionen zur Aufhebung des Bierboykotts
Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin, zefys
Aus diesen beiden Gründen lässt sich insgesamt sagen, dass der Berliner Bierboykott von 1894 den beteiligten Gewerkschaften und Arbeitern sowie der SPD durchaus dabei half, den sogenannten „Klassenkampf“, der die innere Geschichte des deutschen Kaiserreichs ab dem Ausgang des 19. Jahrhunderts maßgeblich prägte, breiteren Teilen der Gesellschaft in einer sehr viel konkreteren Weise zu verdeutlichen, als ihnen dies bis dorthin gelungen war.

 

Auch aus Sicht der Brauereien wird der Berliner Bierboykott von 1894 bis heute als ein sehr wichtiges Ereignis bewertet. Vor allem in finanzwirtschaftlicher Hinsicht veränderte der große Boykott das Agieren der Brauereien nachhaltig. So führten die Geschehnisse zum Beispiel dazu, dass schon im Folgejahr (1895) ein „Nationalverband Deutscher Brauereien“ gegründet wurde. Dieser Verband sollte fortan – ähnlich wie heute eine Versicherung – mithilfe von Beiträgen, die er regelmäßig von den einzelnen Brauereien erhielt, Rücklagen bilden, die er dann bei Boykotten oder anderen Härtefällen an eine oder mehrere Brauereien auszahlte. All diese Veränderungen erklären letztlich schlüssig, weshalb schon Zeitgenossen den Boykott damals als ein politisch durchaus bedeutsames Ereignis wahrnahmen.

Quellen

„Berliner Tageblatt“; Ausgaben vom 18.05.1894 und vom 01.01.1895 (Über Zeitungsinformationssystem der Staatsbibliothek zu Berlin frei abrufbar).

„Berliner Volkszeitung“; Ausgaben vom 17.05. 1894; vom 18.05.1894; vom 19.05. 1894 und vom 29.12. 1894 (Über Zeitungsinformationssystem der Staatsbibliothek zu Berlin frei abrufbar).

Otto, Uwe (Hg.), Der Berliner Bierboykott von 1894. Ein Beitrag zur Geschichte der sozialen Klassenkämpfe, Berlin 1979.

Literatur

Borkenhagen, Erich, Zur Geschichte des Bieres im 19. und 20. Jahrhundert (herausgegeben vom Deutschen Brauer – Bund e.V. zu dessen 100 – jährigem Bestehen), Bonn 1971.

Kürvers, Klaus/ Roder, Bernt/ Tacke, Bettina (Hgg.), Hopfen und Malz. Geschichte und Perspektiven der Brauereistandorte im Berliner Nordosten, Berlin 2005.

Teich, Mikulás, Bier, Wissenschaft und Wirtschaft in Deutschland 1800 – 1914. Ein Beitrag zur deutschen Industrialisierungsgeschichte, Wien 2000

Weiterführende Links

Artikel aus der Berliner Zeitung von 1994 zum 100. Jahrestag des Bierboykotts: http://www.berliner-zeitung.de/archiv/vor-hundert-jahren-boykottierten-berliner-arbeiter-den-gerstensaft–um-soziale-forderungen-durchzusetzen-bier-als-waffe-im–klassenkampf-,10810590,8895022.html

Artikel „Bierstreit“ in „Wikipedia“ zur Geschichte von Bierstreitigkeiten in der deutschen Gesellschaft seit dem Mittelalter: http://de.wikipedia.org/wiki/Bierstreit

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