„Swing Heil!“: Die Berliner Swing Szene und ihre Tanzlokale unter dem Hakenkreuz.

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Der Ausdruck „Swing Heil“ geht auf die Anhänger der Swing-Kultur im nationalsozialistischen Deutschland zurück. Eine Floskel, die zumeist als Symbol des Widerstandes zu verstehen war. Aber in den folgenden Text soll es nicht um politischen Widerstand gehen, sondern um den Kulturellen. Auch wenn das eine das andere nicht ausschließt. Doch was hat der Swing mit einem kulturellen Widerstand gegen das nationalsozialistische System zu tun.

Ein genauerer Blick hinter die Kulissen der Weltstadt Berlin ist hier von Nöten.

Schon in den Goldenen Zwanzigern war Berlin eine Stadt mit einer ausgeprägten Tanz- und Ausgehkultur. Der Besuch in einem Tanzlokal, welcher vor den 1920er Jahren noch als anrüchig und fernab sittlicher Normen lag, wurde in den darauffolgenden Jahren gesellschaftsfähig. „[…] trotz oder vielleicht wegen aller politischen und wirtschaftlichen Katastrophen.“ waren die Menschen „[…] verrückt nach Tanz und Zerstreuung, Unterhaltung und Musik.“, schreibt Knut Wolfram. Diese Nachfragen nach Amüsement waren der Grund, weshalb es Berlin immer wieder gelungen ist sich selbst in neuen Glanz erstrahlen zu lassen. Sei es nun ein verlorener (Erster) Weltkrieg oder die Weltwirtschaftskrise von 1929. Berlin war und ist ein städtisches Stehaufmännchen.

Zu den beliebtesten Musikgenres der damaligen Zeit zählten der Jazz und der Swing, welche vor allem aus dem Amerikanischen in die deutsche Musikkultur übernommen wurde. Egal was gesucht war, ob bürgerlich Traditionelles, altmodisch und gemütlich oder Szenetempel mit suspekten Ruf – Berlin konnte es bieten. Besonders gern besucht wurden Tanzcafés und Tanzlokale. Schon kurz vor der Machtergreifung Hitlers hatten sich die großen Lokale in der Berliner Gesellschaft etabliert. Das Moka Efti am Tiergarten, das Palais am Zoo, das Femina und das berühmte Haus Vaterland am Potsdamer Platz und viele Weitere galten zu den allseits bekannten Adressen der tanzwütigen Berliner und Touristen.

Niemand konnte am Tag der Ernennung Hitlers erahnen, dass es genau zehn Jahre dauern würde, bis das Tanzen in Berlin ganz und gar verboten war.

Schon vor der Machtergreifung Hitlers häufte sich die Diskriminierung von jüdischen Musikern und allen anderen, deren Erzeugnisse als „un-deutsch“ galten. So reagierte 1927 ein Musikmagazin auf die Eröffnung einer Jazzklasse an einer Frankfurter Musikschule mit folgenden Worten: „Das Antideutsche […] bekämpft unsere Kultur nach allen Seiten. […] Die heiligsten Güter sind in Gefahr […] Geht ihm zu Leibe, diesen Drecksbazillus, dieser Schmutztransfusion […].“

Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und dem zügig folgenden Ermächtigungsgesetz sollte diese Diskriminierung einen gesetzlichen Rahmen bekommen. Im September 1933 wurde die Reichsmusikkammer (RMK) gegründet.

Ab sofort mussten alle Berufsmusiker Mitglied in dieser Organisation sein um öffentlich auftreten zu dürfen.

Die Mitgliedschaft wurde aber nur zugesprochen, wenn die „für die Ausübung ihrer Tätigkeit benötigte Zuverlässigkeit und Eignung “ vorhanden war. Diese Regelung war nun das Instrument, um jüdischen Musiker aufgrund mangelnder „Eignung“ ein Berufsverbot zu erteilen und um die „Säuberungswellen“ im Sinne der nationalsozialistischen Kulturideologie und Politik voranzutreiben. Pauschal kann gesagt werden, dass vor allem Juden und Andersfarbige keine Mitgliedsausweise bekamen und somit offiziell ihren Beruf nicht ausüben durften. Doch aufgrund dessen, dass die RMK wenig Personal zur Verfügung hatte, spielten viele Musiker auch ohne Erlaubnis. Regelmäßige Kontrollen und drakonische Strafen waren zu diesem Zeitpunkt nicht zu erwarten.

Die Berliner Friedrichstraße, Postkarte aus der NS- Zeit
Die Berliner Friedrichstraße, Postkarte aus der NS- Zeit

Dennoch zeigten diese Anordnungen ihre Wirkung und viele „nicht-arische“ Musiker verließen Deutschland. Ein Aspekt, dessen Folgen für viele Lokalbesitzer ein Desaster war. Denn die Lokale mussten die Emigration vieler guter (nicht-arischer) Musiker kompensieren und füllten ihre Lücken mit weniger talentierten deutschen Musikern. Die Folge war ein immenser Qualitätsverlust in der deutschen Musikszene.

Es kam zum Konkurrenzkampf der Tanzlokale, den viele dieser Etablissements nicht überstanden. Im Zuge dessen verlor die Friedrichstraße, die als das Epizentrum der Berliner Vergnügungskultur galt, an Bedeutung. Umso mehr breiteten sich Lokale und Tanzpaläste rund um den Kurfürstendamm und Zoo aus. Der Konkurrenzdruck stieg und viele Berliner Wirte mussten schließen. Erst 1936, mit den höheren Umsätzen die durch die Olympiade erwirtschaftet wurden, stabilisierte sich der Markt. 1937 zählte Berlin 13.346 Gaststätten und Tanzlokale.

1935 wurde noch ein Schritt weiter gegangen um die deutsche Musiklandschaft zu arisieren. Es wurden alle Musiker auf ihre Abstammung untersucht. Wer diesem arischen Ideal nicht entsprach, verlor seine Lizenz, bzw. seine Mitgliedschaft in der RMK.
Zudem gab es ab 1935 ein Verbot von „Niggerjazz“ im Rundfunk. Nach und nach wurde versucht die deutsche Musikkultur von allen „nicht-deutschen“ Einflüssen zu lösen. Ab 1938 gab es auch die Reichsmusikprüfstelle, welche sicherstellen sollte, dass „schädliche“ und „unerwünschte“ Musik, quasi Jazz, Swing und Erzeugnisse Jüdischer Musiker, nicht auf den Markt kommen sollten.

Doch so einfach wie sich das Alfred Rosenberg, Chefideologe des Regimes, Goebbels und das Propagandaministerium gedacht hatten, funktionierte es nicht.
Jazz und Swing waren Massenphänomene. Selbst Restriktionen, Propaganda und Diskriminierung konnten ihrer Popularität nur wenig abtun. Vor allem bei Kulturgütern, die ein Massenpublikum betreffen und in einem breiten Spektrum populär sind, kann ein starkes restriktives Verhalten die Bevölkerung gegen sich aufbringen. Aus dieser Angst vor den Reaktionen heraus lässt sich erklären, dass es nie ein festgeschriebenes offizielles Verbot von Jazz und Swing in Berlin gab. (Abgesehen vom Rundfunk und der Schallplattenproduktion) Doch diese Musikrichtung und die Facetten ihrer Auswirkungen waren im Nationalsozialismus stets unerwünscht.

Von 1940 – 1943 erlebte der Jazz und Swing eine zweite Blütezeit in Berlin. Die Gründe hierfür können ganz verschieden sein. Einer der wichtigsten war aber, dass vor allem nach der Schlacht um Stalingrad eine Verbitterung in der deutschen Gesellschaft aufkam, die schleunigst vom NS-Regime klein gehalten werden sollte. Nachlassende Überprüfungen und Restriktionen, was das spielen von Jazz und Swing betraf, führte quasi zu einer Ablenkung der Bevölkerung von den Schrecken des Krieges, hin zu den schönen Dingen des Lebens, dem Amüsement. Teilweise gab es sogar Verpflichtungen zum Swing-spielen, zu propagandistischen Zwecken. Aus diesem Grund wird heute noch zu Recht von Knud Wolffram angemerkt: „Das Dritte Reich ist von einem tiefgreifenden Gegensatz zwischen nationalsozialistischer Ideologie und Praxis gekennzeichnet.“

Erst mit der Ausrufung des „Totalen Krieges“ 1943 kommt das Ende für fast alle Tanzlokale und Cafébars. Das schon am Ende 1942 greifende allgemeine Tanzverbot besiegelte den Ruin der deutschen Musikkultur. In einer Zeit, in der Tanz und Vergnügen als dekadente Verweichlichung galt, ist dieser Schritt zwar nachvollziehbar, aber ebenso erschreckend und traurig.

Literatur

Polster, Bernd: Swing Heil – Jazz im Nationalsozialismus, Transit Buchverlag, Berlin, 1989.

Prieberg, Frederik K.: Musik im NS- Staat, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt a.M., 1982

Wolffram, Knud: Tanzdielen und Vergnügungspaläste, Berliner Nachtleben in den dreißiger und vierziger Jahren. Von der Friedrichstraße bis Berlin W. Vom Moka Efti bis zum Delphi, Edition Hentrich, 1992.

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