Die 1990er: Techno, XTC und die Kapitale Berlin

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#EDM (Electronical Dance Music)

Die Legende des Technos beginnt 1988 in den USA, genauer Detroit. Die erste Vinylplatte, die aus heutiger Sicht wie Techno klingt, nahm Juan Atkins, unter dem Pseudonym Model 500, bereits 1985 in Detroit auf, ihr Titel: No UFOs.

 

Der Oberbegriff Techno steht für zahlreiche elektronisch produzierte Stilrichtungen, wie Industrial, Acid, Trance, Electro, House und Gabba. Damit bezeichnet er zunächst Musik, die nicht durch analoge Instrumente, sondern durch das digitale Programmieren von sphärischen Klängen und Rhythmen (Sounds) an einem Computer produziert wird. Die Technomusik ist damit ein Kind ihrer Zeit, abhängig von technischem Fortschritt und Handwerk. Synthesizer und Rhythmus/Drum-Machines ersetzen Gitarre und Schlagzeug und erzeugen den für den Techno so typischen Viervierteltakt. Berlin blickt auf eine lange Tradition in Sachen Synthesizer-Musik. Bereits Mitte der 1970er Jahre veröffentlichte eine bis heute zu den weltweit erfolgreichsten Technomusikern zählende Band ihr erstes Album. Die Rede ist vom Düsseldorfer Duo Kraftwerk und ihrer Platte Autobahn. Inspiriert von dieser Musik, die eine „Harmonie von Mensch und Maschine“ erzeugt, entstehen in Detroit zahlreiche Künstlerkollektive (Labels). Sogenannte DJs (Discjockeys) machen den Techno zum Sound ihrer Zeit. Das kostengünstige Pressen von Vinylplatten und der einfache Zugang zu technischem Equipment machten die elektronische Tanzmusik für breite Teile der interessierten Bevölkerung erfahrbar.

#Orte des Techno

Am Anfang war es nicht wichtig die Namen der richtigen DJs zu kennen. Wichtiger war es am richtigen Ort zu sein. Für diese Räume lieferte der Techno den Soundtrack. Nach dem Fall der Mauer entstanden in Berlin in leerstehenden Gebäuden, alten Fabrikhallen, Brachen etc. „temporäre autonome Zonen“, die der Nachwendesubkultur verheißungsvoll ein selbstbestimmtes, alternatives Leben ankündigten. In der Umfunktionierung dieser Orte entstand in Berlin eine zweite Stadt. Raver, Hausbesetzerinnen und Künstlerinnen erweckten diese urbane Wüste zum Leben. Die Ruinen des abgewirtschafteten Realsozialismus waren ein Erprobungsraum. Das Schlagwort „Wilder Osten“ beschreibt den permanenten Schwebezustand in dem sich Bars, Clubs und Kunst befanden. Vieles war temporär, wenig von Dauer.

Paradigmatisch für die Kultur der Aneignung von ungenutztem urbanen Raum stand das Kunsthaus „Tacheles“ in der Oranienburger Straße, benannt nach einer gleichnamigen Jazzcombo. Als das Gebäude im Februar 1990 besetzt wird, blickte es bereits auf eine bewegte Geschichte zurück. 1909 als Passagenkaufhaus eröffnet, folgten verschiedene Nutzungsformen in den unterschiedlichen politischen Systemen. In der DDR wurden in den 1980er Jahre schließlich Pläne zur Sprengung des kriegsbeschädigten Hauses eingeleitet. Doch die veränderte politische Wetterlage verhinderte dies. Das besetzte „Tacheles“ wurde zum Treffpunkt und Lebensmittelpunkt für Künstlerinnen, Lebenskünstlerinnen, Theaterleute oder auch für neugierige Besucherinnen. Die zunehmende Professionalisierung und Institutionalisierung des Betriebs gefiel allerdings nicht allen, der Vorwurf der Kommerzialisierung war nicht weit. Dennoch bestand das Kunsthaus „Tacheles“ lange fort als Ort selbstorganisierten Lebens, auch als die Häuser ringsum schon grundsaniert waren und viele Clubs, Bars und sonstige Orte in Berlin-Mitte längst neuen Mietenden gewichen waren. 2014 wurde das Gebäude an Investoren verkauft.

„How long is now“ – „Wie lange ist jetzt“ steht auf der Fassade des ehemalig besetzten Hauses Tacheles (2007). Bild: Etienne Rheindahlen

Ein weiterer Kult-Ort der Szene befand sich Anfang der 1990er Jahre in der besetzten Mauerstraße 15 – das Elektro.

Elektro
Das Elektro. Legendärer Kleinst-Club in der Mauerstraße 15 (circa 1994). Bild: Lukas Duwenhögger

Das ehemalige Elektrogeschäft war schon von außen an dem über dem Schaufenster angebrachten Schriftzug zu erkennen. Der Künstler Daniel Pflumm nutzte die Räume der Mauerstraße 15 anfangs als Atelier. Er adaptierte das Elektro-Logo samt der beschädigten Buchstaben „E“ und „K“ und machte es mit roten Lettern auf gelbem Grund zum Logo des Elektro.

ELEKTRO, Daniel Pflumm
Das Kult-Logo von Daniel Pflumm.

Der Ort war anfangs eine Konzeptbar. Hier wurden DJ-Mixtapes und Klamotten verkauft und dabei Getränke ausgeschenkt. 1992 wurde der Laden zu einem Club, in dem DJ-Größen aus aller Welt in intimer Atmosphäre auflegten – vorrangig Techno und House. Das Elektro funktionierte ohne Werbung und ohne Eintritt. Im Dezember 1994 wurde es schließlich von der Polizei geschlossen.

Fotos aus jener Zeit existieren wenige, denn das Ereignis auf Bildern festzuhalten, galt in der Szene als verpönt. Das Bewusstsein, an etwas Besonderem teilzuhaben, war groß. Das Event sollte durch eine Dokumentation nicht selbst zur Ware werden. Dieses unausgesprochene Bildverbot schuf wenige visuelle Quellen für die Nachwelt und erhebt solche Orte in der Retrospektive in einen fast mystischen Rang. Sie existieren oftmals allein in den Erinnerungen der Zeitgenossinnen.

Panasonic
Das Panasonic. Der Club wird nach Schließung des Elektro zur neuen Heimat von Mos Gruppe (2008). Bild: Lukas Duwenhögger

#Techno und Kommunikationsmedien

Flyer und Magazine

Mund-zu-Mundpropaganda, Botschaften in Türen und Wände ritzen, Flyer verteilen: die Kommunikationsachse der 1990er Jahre. Der Erfolg von House und Techno beflügelte den Aufstieg von Flyern zu einem wichtigen Informationsmedium innerhalb der Szene. Mit ihrer Entstehung beginnt die technospezifische Grafikkultur: Wer sie hatte, wusste, was los ist. Flyer wurden erstmalig in der englischsprachigen Punkszene eingesetzt, um in großem Stile Partys anzukündigen. Von hier aus eroberten sie dann die Welt des Techno-Undergrounds.

Da die Raves illegal veranstaltet wurden, boten die modernen Flugblätter die Möglichkeit, jenseits von offiziellen Kanälen wie Radio oder Zeitung, Werbung für Veranstaltungen zu machen. Sie wurden frühestens zwei Wochen vor einem Event, oft aber erst am selben Abend in einschlägigen Szenetreffpunkten – Clubs, Cafés, Plattenläden, Galerien – ausgelegt und ihre Botschaft so direkt an das Zielpublikum geleitet.

ELEKTRO OPENING
Flyer von Daniel Pflumm für die Opening-Party im Elektro (1992).

Die Flyer der 1990er Jahre zeichneten sich durch ihre spezifische Ästhetik aus. Handelte es sich anfangs meist noch um einfache Schwarzweiß-Kopien, erweiterte sich das gestalterische Spektrum seit 1991 deutlich. Dank verbesserter Programme und Computergrafiken verwendeten die Designer nun knallige Farben und 3D-Grafiken. Sie bedienten sich Ikonen aus Populärkultur und Werbung. Vorhandene Logos wurden kopiert und erst auf den zweiten Blick erkennbar. Die Motive waren eine Verbindung assoziativer Elemente aus dem Zeichenrepertoire ihrer Zeit. Diese gestalterische Sampletechnik wurde alsbald auch von szenefremden Menschen angewandt.

Partyflyer
Partyflyer mit persiflierter Werbe-Ikone. Bild: Die Gestalten, in: Flyermania, Berlin 1997.

Der Konnex zwischen Techno und Flyer löste sich damit auf. Dennoch fungieren diese Flyer bis heute für die Nachwelt als Zeugen für den Siegeszug des Techno und das Emporsteigen einer Untergrundbewegung in den Mainstream.

Aus der Untergrundkommunikation entwickelte sich ein Medienzweig. Mitte der 1990er Jahre existierten außerdem rund zwanzig Techno-Magazine auf dem Markt. Einen überregionalen Namen machten sich vor allem die Berliner Zeitschriften Frontpage und Flyer, die bis heute Kultstatus haben.

#Drogen

Gerade beim Techno, der aus pulsierenden Beats und sphärischen Klängen besteht, wird der Ritualcharakter von Musik erkennbar. Fast wie in Ektase bewegen sich die Körper in den Wogen der maschinellen Sounds. Um dieses fast spirituelle Moment zu verstärken, können Rauschmittel eingesetzt werden. In de 1990er Jahren waren vor allem LSD, Speed und XTC populär.

#Gender

Die Technoszene ist, wie jede andere Kulturbranche, männlich dominiert. Um der Hegemonie entgegenzuwirken gründeten Ende der 1990er mehrere Musikerinnen, darunter Electric Indigo, Gudrun Gut und Acid Maria, das feministische Netzwerk female:pressure. Innerhalb des Netzwerks unterstützen sich Kunstschaffende der Techno- und Computerkunstszene gegenseitig, um die Hör- und Sichtbarkeit von Musikmachenden abseits der binären Gendernorm zu stärken. Das Netzwerk veröffentlicht vergleichende Statistiken zur geschlechtlichen Repräsentanz auf internationalen Elektrofestivals. Die aktuellste Erhebung für den Zeitraum 2015 bis Mitte 2017 ergab, auf den untersuchten Festivals aus 34 Ländern der Welt, spielten 15% weibliche, 7% gemischte, 78% männliche und 1% undefinierbare Acts. Vgl. https://femalepressure.wordpress.com/facts/facts-2017-results/

Minifeature

Eine wichtige Protagonistin der 1990er Techno-Kultur ist Mo Loschelder vom Label Elektro und Media Loca.

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