Rhythmischer Rausch

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Im Berlin der Weimarer Republik begeistert eine neue Art der Musik: Der Jazz dominiert von nun an das Nachtleben. Josephine Baker, Kurt Weil, der Delphi-Palast – schillernde Personen und Orte prägen die Zeit. Im Zentrum der Feierkultur steht ein besonderes Rauschmittel: der Jazz-Tanz, Ausdruck der Moderne.

„Amerika hat, so sagt man wenigstens, keinen Alkohol mehr. Es hat auch keinen nötig. Es hat Jazz-Bands. Das sind Musikkapellen, die ohne Alkohol besoffen machen … .“ Der Journalist Hans Siemsen, seit 1919 in Berlin, schreibt diese Zeilen in den 20er Jahren. Jener Epoche der deutschen Geschichte, der heute wie keiner anderen eine entfesselte Lebensart nachgesagt wird – konzentriert auf die Gegenwart, dem Hedonismus hingegeben. Und als der Brennpunkt des Rausches gilt Berlin. Tatsache ist, dass die Hauptstadt der Weimarer Republik eine Vielzahl an Vergnügungsorten anbot. Während Amerika die Prohibition umsetzte und jeglichen Alkohol verbot, lockten in Berlin Tanzlokale, Bars, Kinos, Kabaretts, Varietés und Revuen. Dennoch begehrte die junge Republik amerikanische Kultur. Schon bald nach dem Ersten Weltkrieg entdeckten Tanzbegeisterte eine neue Musikform: den Jazz.

Musik der Moderne

Um 1920 galt Jazz noch als exotisch. Expressionistische Musiker benutzten die ungewohnten Klänge, um das Publikum zu schockieren. Das änderte sich in den Jahren 1924/25. Der Jazz schaffte es in Tanzlokale und Revuetheater wie das „Große Schauspielhaus“, geleitet von Eric Charell. Die amerikanischen Stars des „Paul-Whiteman-Orchester“ spielten hier Georg Gershwins populäre „Rhapsody in Blue“; Kapellmeister wie Paul Godwin, Bernard Etté und Stefan Weintraub machten sich einen Namen. 1925 begeisterten erstmals afroamerikanische Jazzmusiker das Berliner Publikum: Sam Woodings Band „Chocolat Kiddies“ spielte Stücke von Duke Ellington im Admiralspalast.

Der Jazz in Deutschland war Teil eines fundamentalen Wandels der Kunst. Die Spätromantik und der Expressionismus galten nach dem Krieg bald als unzeitgemäß. Sie wurden von der „Neuen Sachlichkeit“ abgelöst, einer Kunstrichtung ohne Pathos, die auf Werte wie Lebensfreude, Aktualität und Technizismus setzte. Der technische Aspekt des Jazz spiegelte sich nicht bloß in der virtuosen Nutzung der alten Instrumente wider; frühe Komponisten flochten auch Maschinenklänge in ihre Stücke ein. Hinzu kam ein neues elektronisches Medium: das Radio. 1923 sendete das Berliner Vox-Haus die erste Radioübertragung Deutschlands, ab 1926 übertrug der Sender Jazz-Musik live. Auch das Grammophon ­– und mit ihm die Jazz-Platte – fand immer mehr Käufer.

Devines-Wisconson-Roof-Orchestra – Tiger Rag, 1927
Der „Tiger Rag“ war 1920 einer der ersten Jazz-Titel für den deutschen Schellackplattenmarkt, Quelle: https://archive.org/details/DevinesWisconsonRoofOrchestra-TigerRag1927

Gabriel-Formiggini-Orchester – Erst Trink Ein Bisschen Alkohol, 1928 Die VOX-AG betrieb nicht nur den ersten Radiosender Deutschlands, sondern produzierte auch Jazz-Musiker wie Gabriel Formiggini, Quelle: https://archive.org/details/ErstTrinkEinBichenAlkohol

Swing, Ekstase und Drogenkonsum

Ab Mitte der 1920er Jahre gewann der Jazz in Deutschland in Form des Swings eine neue Facette hinzu. Er galt nun als elegante Unterhaltungsmusik, die mit ihren Rhythmen wie keine andere zum Tanzen einlud. Den bekanntesten Jazz-Tanz, den Charleston, machte eine afroamerikanische Tänzerin populär: 1927 trat Josephine Baker mit ihrer „Charleston Jazzband“ in Berlin auf. Sie wurde das Symbol des Jazz-Zeitalters in Deutschland und verkörperte mit ihrem Tanzstil eine erotische Komponente der modernen Musik. Das Publikum feierte Baker und tat es ihr gleich. Während der Weimarer Republik entstand in den Bars und Tanzlokalen die Atmosphäre, die noch heute fürs Nachtleben typisch ist: Alkohol, Rauch, rhythmische Musik, gedimmtes Licht. „Die Paare, die nach dieser hypnotisierenden Musik tanzen, bewegen sich nicht selbst und wie sie wollen: Sie werden von dieser Musik in Bewegung gesetzt. (…) Mit ausgeschalteter Vernunft und ausgeschaltetem Willen sich diesem Rhythmus zu überlassen, das ist ein schönes Gefühl“, beschreibt Hans Siemsen einen Jazz-Abend in Berlin.

Josephine Baker: Im Bananen-Kleid auf Europa-Tourné, Paris 1926 Rechteinhaber: Urheberrecht ist abgelaufen (Walery, French, 1863-1935) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Baker_Banana_3.jpg
Josephine Baker: Im Bananen-Kleid auf Europa-Tourné, Paris 1926. Fotograf: Walery (1863-1935)

Hält man sich diese Feierwut und dieses Streben nach einem Sich-Verlieren vor Augen, ist der gedankliche Schritt zu weiteren populären Berlin-Bildern der Zwanziger ein kurzer: Dealer in dunklen Gassen, Kokain schnupfende Neureiche, morphiumsüchtige Intellektuelle. Der massive Drogenkonsum der Weimarer Republik ist berüchtigt und ein häufiges Motiv in Geschichten über die „Goldenen Zwanziger“. Sieht man allerdings von prominenten Beispielen ab, wie etwa der kokainsüchtigen Nackttänzerin Anita Berber, die in Berliner Kneipen und Lokalen auftrat, wird der Mythos offenbar: Rauschmittel waren zur Weimarer Zeit nicht so allgegenwärtig, wie es die heutige Sicht nahe legt. Die Historikerin Annika Hoffmann hat festgestellt, dass damalige Gesetze zum Drogenverbot auf wackligen Beinen standen, da Untersuchungen keine erhebliche Konsumsteigerung ergaben. Dennoch gab es bereits 1920 ein Gesetz, das den Handel mit Opium auf Apotheken beschränkte. Weitere Regelungen folgten.

Beginn einer neuen Ausgehkultur

Der Feierkultur tat das keinen Abbruch. Zwischen 1924 und 1930 entstand ein neues Genre im Kulturbetrieb, das Jazz-Musik in den Mittelpunkt rückte und ein großes Publikum anzog: die sogenannte Zeitoper. Sie sollte die damalige Zeit in einem journalistischen Sinn auf die Bühne bringen, die Moderne widerspiegeln. Den Durchbruch schaffte 1927 der in Berlin lebende Amerikaner Ernst Krenek mit seiner Jazz-Oper „Jonny spielt auf!“. Fünfzig deutsche Bühnen nahmen den Massenerfolg noch im selben Jahr ins Programm. Ähnlich populär wurde nur die „Dreigroschenoper“ (1928) von Bertolt Brecht und Kurt Weil. Der Komponist vertonte einige Gedichte Brechts im Jazz-Stil, wie etwa den berühmten Prolog „Die Moritat von Mackie Messer“. Der Song avancierte zum internationalen Hit und wurde später unter anderem von Louis Armstrong gecovert.

Der Komponist der „Dreigroschenoper“: Kurt Weil, Wien 1932 Rechteinhaber: Deutsches Bundesarchiv https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_146-2005-0119,_Kurt_Weill.jpg?uselang=de
Der Komponist der „Dreigroschenoper“: Kurt Weil, Wien 1932. Fotograf: unbekannt. Rechteinhaber: Bundesarchiv, Bild 146-2005-0119 / CC-BY-SA 3.0

 

Bildunterschrift: Die „Dreigroschenoper“ wurde im „Theater am Schiffbauerdamm“ uraufgeführt, Berlin 1928 Rechteinhaber: Gemeinfrei https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dreigroschenoper_program_notes_1928.png
Bildunterschrift: Die „Dreigroschenoper“ wurde im „Theater am Schiffbauerdamm“ uraufgeführt, Berlin 1928
Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dreigroschenoper_program_notes_1928.png

Lotte Lenya – Die Moritat Von Mackie Messer, 1928. Kurt Weils Ehefrau Lotte Lenya spielte in der Uraufführung der „Dreigroschenoper“ die „Spelunken-Jenny“. Quelle: https://archive.org/details/Parandroide17

Ende der 20er Jahre eröffneten zahlreiche Tanzsäle in Berlin, vor allem in den Stadteilen Mitte und Wilmersdorf. Die prachtvoll ausgestatteten Säle und Lokale engagierten eigene Kapellen, die sich häufig auf Jazz spezialisierten. Berühmtheit erlangte die Anfang der Dreißigerjahre gegründete Kapelle vom musikalischen Multitalent Kurt Widmann, der nicht nur dirigierte, sondern auch sang und zahlreiche Instrumente spielte. Für ihre Jazz-Musik bekannte Tanzsäle hatten Namen wie „Femina“, „Moka Efti City“ oder „Palais de Danse“. Eine besondere Anlaufstelle für Swingbegeisterte bildete der 1928 eröffnete „Delphi-Palast“ an der Kantstraße. Der Tanzsaal im Obergeschoss bot, einschließlich der Galerie, bis zu 660 Gästen Platz. Es gab ein Musikpodium, drei Tanzflächen, Tischtelefone, eine elektrischen „Sternenhimmel“ – alles umrahmt von einem antik anmutenden Dekor. Heute haben in den alten Räumen das Kino „Delphi Filmpalast am Zoo“ und die Jazz-Bar „Quasimodo“ Platz gefunden.

Im Gebäude des heutigen „Delphi Filmpalastes am Zoo“ befand sich ab 1928 der „Delphi-Palast“, Berlin 2007 Rechteinhaber: Delphi Filmtheater Betriebs GmbH https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Delphi_filmpalast.jpg?uselang=de
Im Gebäude des heutigen „Delphi Filmpalastes am Zoo“ befand sich ab 1928 der „Delphi-Palast“, Berlin 2007
Urheber: Delphi Filmtheater Betriebs GmbH, CC BY-SA 2.0 de, via Wikimedia Commons

Brücke in die Gegenwart

Einer der Vergnügungspaläste hat sich bis in die Gegenwart gerettet: „Clärchens Ballhaus“ in der Auguststraße, 1913 unter dem Namen „Bühlers Ballhaus“ gegründet. Im Tanzsaal, so erzählt es Buchautorin Marion Kisow, seien alle gesellschaftlichen Schichten vertreten gewesen – vom einfachen Fabrikangestellten bis zum Künstler. Zum 100. Jubiläum des Hauses 2013 befasste sich Kisow mit der Geschichte des Hauses. Hier wurde „ein traditionelles Grundprogramm mit exotischen Ausreißern“ getanzt – neben Walzer und Polka stand auch schon mal Swing auf dem Programm. Arbeitslose Offiziere verdingten sich beim Tanz als sogenannte „Eintänzer“: Nach dem Krieg herrschte ein Männermangel in der Hauptstadt und die Lokale engagierten bezahlte Tänzer. Das im ehemaligen Ostberlin gelegene Gebäude war zu DDR-Zeiten eine gern beuchte Ausgehstätte und lädt heute wieder erfolgreich zum Tanz – wenn der Saal nicht gerade als Kulisse für Filme wie „Inglourious Basterds“ dient.

Postkarte vom „Yorkschlösschen“, Berlin 1910 Quelle: Olaf Dähmlow
Postkarte vom „Yorkschlösschen“, Berlin 1910
Quelle: Olaf Dähmlow

„Jazz ist wieder gefragt“, meint Olaf Dähmlow, Inhaber der Kreuzberger Jazz-Bar „Yorkschlösschen.“ Ein Ort mit langer Tradition: Um die Jahrhundertwende erbaut, beherbergte das Gebäude in der Weimarer Republik ein Lokal im Stil eines Wiener Kaffeehauses und war Sammelplatz für Soldaten der nahen Dragoner-Kaserne. Heute ist das „Yorkschlösschen“ eine der ältesten Jazz-Bars Berlins – aber Weitem nicht die Einzige. Dähmlow hat wesentlich dazu beigetragen, dass seit dem Ende der 1970er Jahre die Jazz-Szene Berlins nach einer langen Pause wieder an Aufschwung gewann. „Heute“, resümiert Dähmlow, „ist die Jazz-Szene in Berlin jung und sehr international.“

Literaturverzeichnis

Dombrowski, Ralf: An Overview of Jazz Music in Germany, Austria, and Switzerland, in: Krick-Aigner, Kirsten A. (Hg.) (2013): Jazz in German-language literature. Würzburg 2013, S. 27-56.

Glatzer, Ruth; Siedler, Wolf Jobst: Berlin zur Weimarer Zeit. Panorama einer Metropole 1919 – 1933, Berlin 2000.

Hermand, Jost; Trommler, Frank: Die Kultur der Weimarer Republik. München 1978.

Hoffmann, Anika: Drogenkonsum und -kontrolle. Zur Etablierung eines sozialen Problems im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, Wiesbaden 2012.

Kiesow, Marion: Berlin tanzt in Clärchens Ballhaus. 100 Jahre Vergnügen – eine Kulturgeschichte, Berlin 2013.

Partsch, Cornelius: Hannibal ante Portas : Jazz in Weimar, in: Kniesche, Thomas W.; Brockmann, Stephen (Hg.): Dancing on the volcano. Essays on the culture of the Weimar Republic, Columbia 1994, S. 105–116.

Wolffram, Knud: Tanzdielen und Vergnügungspaläste. Berliner Nachtleben in den dreißiger und vierziger Jahren. Von der Friedrichstrasse bis Berlin W, vom Moka Efti bis zum Delphi, Berlin 1992.

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